Haliti, Shani (39), Alleinstehender Vater mit zwei Kindern.

Am 25.03.1999, während des Kosovokrieges, um 2.00 Uhr nachts kam die serbische Armee nach Urosevac (Kosovo) zum Haus von Shani Haliti und seinen Eltern. Dort haben sie ihn zwangsweise einberufen, d.h. sie haben ihn mitgenommen, ohne vorherige Ankündigung. Innerhalb von 10 min musste er mitkommen, genauso wie andere Roma und serbische Männer aus der ganzen Stadt. In dem Viertel der Stadt wo er gewohnt hat, gab es keine anderen Moslems, seine Familie war die Einzige.

In der Armee hat er bald großen Stress und große Angst im Krieg erlebt. Auf dem Weg zu einem Stützpunkt ist der erste LKW über eine Miene gefahren und er ist explodiert. Herr Haliti war glücklicherweise hinten im Zug, in einem anderen LKW. Er musste mit Anderen zusammen den Ort aufräumen und die Leichen begraben.

Solche Arbeiten, wie Leichen wegbringen und begraben in besonders gefährlichen Zonen, mussten immer die Roma machen. Die serbischen Leute haben die Roma dorthin geschickt, um diese Arbeit zu machen.

Am Anfang seiner Zeit in der Armee war es unwichtiger, dass Shani Haliti Moslem ist. Aber nachdem viele serbischen Leute von moslemischen Albaniern umgebracht wurden, haben sie die moslemischen Roma gehasst und gedroht, sie genauso umzubringen wie die Albanier. In seiner Gruppe war er der einzige Moslem und wurde deshalb immer wieder angefeindet.

Daher hat er der Armee immer wieder entfliehen wollen, dazu aber nie eine Möglichkeit gesehen. So musste er bis zum Juli 1999 dabei bleiben, als die Nato Truppen von Mazedonien in den Kosovo gekommen sind und in den Krieg eingegriffen haben. In dieser Zeit zeigten sich bei Herrn Haliti erstmals Anzeichen psychischer Probleme, die später als schizoaffektive Psychose und Suizidalität diagnostiziert wurden.

Nach dem Eingreifen der Nato im Kosovo hat sich die serbische Armee noch im Juli 1999 aus dem Kosovo zurück gezogen. Die Kommandanten haben sich Zivilkleidung angezogen und sind in Wagen geflohen, die serbischen Soldaten sind mit LKWs abtransportiert worden. Die Roma wurden allein zurück gelassen und sich selbst überlassen. Ihnen war gesagt worden, es kommen noch andere LKWs um sie ab zu holen, aber es ist niemand gekommen. Sie haben sie angelogen und sie mussten sich alleine durch schlagen. Shani Haliti wusste nicht wohin er gehen / fliehen sollte.

Er ist dann mit seiner serbischen Uniform zu seinem Haus zurück gegangen. Aber die zivilen Albanier haben ihn gesehen und wollten ihn mitnehmen, verschleppen und töten. Als er gemerkt hat, dass sie ihn anfassen und fangen wollen, hat er sie mit seiner Waffe bedrohen müssen um sein Leben zu schützen. Dann ist er zu einer orthodoxen Kirche geflohen, wo der Priester ihn versteckt hat, bis es dunkel wurde. Dann haben sie ihm zivile Kleidung besorgt und ihn über die serbische Grenze gefahren.

Er ist dann in Serbien nach Bujanovac in eine Romasiedlung geflohen. Dort haben ihm die Roma erzählt, dass viele Roma aus dem Kosovo nach Subotica, in der Nähe der ungarischen Grenze, geflohen sind, woraufhin er auch dorthin gegangen ist. Das war im August 1999.

In Subotica hat er versucht privat eine Wohnung und Hilfe zu finden. Die Leute haben ihn immer gefragt wo er herkommt und wie er heißt und welche Religion er hat. Und wenn er gesagt hat, dass er aus dem Kosovo und Moslem ist, haben sie ihm alles verweigert und gesagt: kommt nicht in Frage, du bist dasselbe wie UCK.

Mit ganz vielen Schwierigkeiten hat er dann ein Zimmer gefunden. Aber durch den großen Hass zwischen Albanern und Serben hat er keinerlei Arbeit finden können. Das war so schwierig, weil man es schon am Namen erkennen kann, ob jemand Moslem bist und so hat er niemals Arbeit finden können. Aber auch bei allen Behörden oder Ärzten ist er schlecht behandelt worden und niemand wollte ihm helfen, weil er Moslem ist

Gleich nach seiner Ankunft in Subotica war Herr Haliti Ende August 1999 erstmals bei einem Hausarzt wegen seiner psychischen Probleme und hat dort Medikamente bekommen. Nach 6 Monaten hat ihn der Hausarzt zu einem Psychiater geschickt. Dort hat er auch Medikamente bekommen und er hat dort eine Gesprächstherapie angefangen. Aber auch dieser Arzt hat ihn wie alle anderen wegen seiner Herkunft und Religion diskriminiert, hat ihm keine Termine gegeben und ihn immer mit der Therapie vertröstet. Auch die Medikamente waren nicht gut, haben nicht geholfen und er musste sie selber bezahlen. Nach einer Weile haben sie ihn gar nicht mehr zum Arzt vorgelassen und ihm keinen Termin gegeben.

In dieser Zeit, wo er bei dem Psychiater in Behandlung war, hat er mehrmals versucht, sich selbst umzubringen. Er hat sich geschnitten und auch versucht, sich zu erhängen. Er hat das auch dem Psychiater erzählt, aber der Psychiater hat ihn daraufhin nicht weiter behandeln wollen und ihn auch nicht in ein Krankenhaus überwiesen. Er war der einzige Roma in seiner Praxis und es war die ganze Zeit eine Athmosphäre der Diskriminierung dort.

2001 hat Herr Haliti in Subotica eine orhtodoxe Romnja wieder getroffen, die er vorher schon aus seinem Heimatort kannte. Mit ihr war er dann zusammen und hat seine beiden Söhne mit ihr bekommen.

Obwohl sich seine Situation etwas verbessert hat, hat er beim ersten Kind, wenn es geweint hat, die Schreie aus dem Krieg immer gehört und er musste das Haus verlassen, weil er soviel Stress und auch Aggressionen dadurch aufgebaut hat. Nur draußen konnte er sich wieder beruhigen.

Die Familie haben dann auch zusammen gewohnt, bei ihr in einer größeren Wohnung. Das war möglich, weil sie orthodox war. Die Kinder haben den Namen der Mutter übernommen, damit sie nicht von dem Hass gegen die Moslems betroffen sind. Herr Haliti selbst war immer doppelt gehasst und ausgegrenzt, ein Mal weil er Roma ist und ein Mal weil er Moslem ist.

Die beiden Söhne sind in Subotica auf die gleiche Schule gegangen. Dort wurden sie von anderen Kindern geschlagen. Shani Haliti hat sich dann in der Schule beschwert, dass das nicht weiter passieren darf. Daraufhin gab es ein Elterngespräch im Okober 2013, wo auch die Eltern der serbischen Kinder da waren, die seine Söhne geschlagen haben. Nach dem Gespräch, vor der Schule, haben diese Eltern ihm dann zu gesagt: was sucht ihr hier? Dieses Land ist nicht Euer Land? Sie haben die Familie bedroht sie zu töten, wenn sie nicht gehen und die Stadt verlassen, weil sie Roma sind und er auch Moselm ist. Er hat dann damit gedroht, bei der Polizei Anzeige gegen sie zu machen. Da haben sie gesagt: mach das ruhig, das hilft dir nicht, das ist unsere Polizei, sie sind unser Freunde.

Er hat dann auch gleich eine Anzeige bei der Polizei gemacht aber sie haben nichts getan. Die serbischen Leute haben ihn daraufhin am 25. November 2013 zu sechst überfallen und geschlagen und die Drohungen wurden immer mehr. Nach der Schlägerei haben sie die ganze Familie noch ein Mal mit dem Tod bedroht: wenn ihr nicht geht, werden wir deine ganze Familie umbringen. Auf dem Mauer seines Hauses haben sie gesprüht: tötet die Albaner.

Nach diesen Vorfällen hat sich die Mutter der Kinder von ihm und den Kindern getrennt. Es gibt ein Gerichtsurteil, dass ihm die Kinder zuspricht. Gleichzeitig war klar, dass sie dort nicht weiter leben konnten, weil sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Herr Haliti hat die Mutter der Kinder trotzdem gebeten bei ihnen zu bleiben, wegen der Kinder und weil er nicht wollte, dass ihr etwas passiert, wenn sie fliehen.

Aus Angst vor dem Tod ist die ganze Familie dann am 28.11.2013 nach Deutschland geflohen, da sie weder im Kosovo noch in Serbien sicher waren und er in beiden Ländern mit dem Tod bedroht wird. Hier haben sie mehrere Erstaufnahmelager durchlaufen. Die Mutter der Kinder ist mit nach Deutschland gekommen. Im Dezember 2013 ist die Mutter der Kinder allein mit einem Transfer wo anders hingegangen. Im Selben Monat haben Herr Haliti und seine beiden Söhne einen Transfer nach Eisenberg bekommen.

Am 3.3.2014 sind Herr Haliti und seine beiden Söhne nach Erfurt gekommen.

Ihr Asylantrag wurde im Juli 2014 trotzdem abgelehnt und Herr Haliti hat gegen die Ablehnung geklagt. Auch diese Klage wurde bei Gericht in Gera abgelehnt. Um nicht von der Polizei abgeschoben zu werden, musste er die sog. freiwillige Ausreise unterschreiben. Am 24.10.2014 musste er dann mit seinen Kindern aus Deutschland nach Serbien ausreisen und ist nach Subotica zurück gegangen, in die frühere Wohnung.

Ab dem 03.11.2014 mussten die Kinder dort wieder in die Schule gehen. Herr Haliti hatte gehofft, dass die Bedrohungen vorbei sind, aber das hat wieder angefangen. Die Kinder wurden in der Schule täglich von den Anderen geschlagen und als die Kinder sich bei der Lehrerin beschwert haben, hat sie das herunter gespielt und geantwortet, das sei nicht schlimm.

Am 27.01.2015 sind die Eltern der Kinder zu ihnen nach Hause gekommen. Sie haben geklingelt und geschrien: wir wissen das du da bist, warum kommst du nicht raus? Du kommst nicht, weil du schuldig bist.

Und dann haben sie die Polizei gerufen und denen erzählt, dass er zu Hause Waffen lagern würde und einen Terroranschlag planen würde. Gegen 20.00 Uhr ist dann eine Spezialeinheit in seine Wohnung gekommen, mit der Begründung, dass sie Hinweise haben, dass er Waffen aus dem Kosovo hergebracht haben soll. Er fragte sie, woher der Hinweis ist und die Eltern der serbischen Kinder haben gesagt: du hast das uns erzählt. Er hat wiedersprochen und die Polizei sagte, dass er garkeine Fragen stellen sondern nur ihre Fragen beantworten dürfe.

Die Polizei hat ihn angeschrien und ihm die Waffe an den Kopf gehalten. Sie haben gesagt: du brauchst hier gar nichts zu erklären, wir nehmen dich mit auf die Polizeistation und dort wirst du alles erklären, wenn wir dich schlagen. Die Kinder waren zu der Zeit in einem anderen Zimmer und haben alles gehört. Sie wurden dann von der Polizei auf den Hof gebracht, damit das Haus durchsucht werden konnte, danach sind sie wieder ins Haus und waren dort allein.

Herr Haliti war wurde in eine Polizeistation in den Keller gebraucht, wo sie die Verhöre mache. Sie haben ihn dort von 22.00 Uhr bis 24.00 Uhr festgehalten, haben ihn geschlagen und gesagt: sag die Wahrheit oder wir bringen dich um. Er hat dann gesagt: Ihr könnt mich jetzt umbringen, ihr habt das in der Hand und ich will so etwas nicht in den Händen haben.

Da sie in der Wohnung nichts gefunden haben, haben sie ihn nach zwei Stunden frei gelassen. Sie haben aber zu ihm gesagt, dass die Kinder den nächsten Morgen wieder in diese Schule gehen müssen und er müsste sich am nächsten Morgen um 7.00 Uhr wieder bei der Polizei melden.

Als Herr Haliti wieder zu Hause war, hat er seine Freunde angerufen und ihnen erzählt, was passiert ist, aber sie haben gesagt: wir können dir nicht helfen, weil wir auch keinen Ärger mit der Polizei haben wollen. Er hat sie um Rat gefragt, was er tun kann und sie haben vorgeschlagen, einen kleinen Bus zu organisieren und einen Fahrer und das sie ihn dort wegbringen. Sie haben ihm gesagt, dass ist die einzige Chance, so schnell wie möglich dort weg zu gehen. Er hat aber gesagt, er hat kein Geld dafür. Die Freunde haben ihm gesagt, ohne Geld geht das nicht, weil es auch für sie gefährlich ist, denn die Polizei wird ihn ab 7.00 Uhr suchen und somit sind sie auch in Gefahr. Sie sagten, er müsse 1500 € zahlen.

Er hat die Kinder daraufhin noch in der gleichen Nacht geweckt und sie mussten bis zur Autobahn laufen, weil der Fahrer nicht vor der Tür warten wollte. Die Kinder hatten dabei auch ganz große Angst, dass niemand sie verfolgt. Es hat aber alles geklappt und sie haben den Fahrer an der Autobahn getroffen und er hat sie bis nach Deutschland gefahren.

Als sie in in Deutschland angekommen sind, hat der Fahrer sie raus gelassen aber ihnen die Pässe weggenommen, weil sie ihm Geld schulden. Am 28.01.2015 sind sie wieder in Erfurt angekommen.

Am 30.01.2015 haben sie sich in der Erfurter Ausländerbehörde wieder angemeldet und Herr Haliti hat gesagt, dass er einen zweiten Asylantrag stellen will. Er hat dann die Antwort nicht verstanden, hat aber dort nur eine Adresse für eine Wohnung in der Hans – Seiler – Straße bekommen und eine Duldung. Einen Termin für ein Interview hat er nicht erhalten.

Im März 2015 hat er dann erst wieder einen Brief erhalten, in dem er aufgefordert wurde, Deutschland freiwillig wieder zu verlassen. Das hat er aber abgelehnt, weil er keinen sicheren Ort für sich und die Kinder hat, zu dem er gehen kann.

Im August 2015 wurde er schriftlich aufgefordert, seine Pässe zu beschaffen. Er kann sie aber nicht bekommen, weil er sie erst wieder bekommt, wenn er das Geld beschafft.

Am 12. November 2015 hat er Brief mit Abschiebeankündigung erhalten. Seitdem leben er und seine Kinder in ständiger Angst vor der Abschiebung in ein Land (Serbien), in dem sie mit dem Tod bedroht werden.

Herr Haliti ist in Behandlung wegen seiner psychischen Probleme. Er bekommt mehrere Medikamente, die er täglich nehmen muss. Herrn Haliti geht es in Deutschland psychisch besser als vorher. Jedoch ist Stress für ihn sehr schlecht und gerade die Drohung einer Abschiebung und die Unsicherheit seiner Situation führen immer wieder auch zu Phasen, in denen es ihm psychisch sehr schlecht geht. Dann ist er depressiv, hat suizidale Gedanken und sieht besonders in den Abendstunden wieder die Bilder des Krieges vor seinen Augen. Dann findet er keinen Schlaf und ist ständig übermüdet.

Für seine beiden Kinder ist Herr Haliti immer da und kümmert sich um sie so gut er kann. Für ihn ist wichtig, dass seine Kinder hier die Schule erfolgreich abschließen können. In Serbien ist das für sie nicht möglich, weil sie keinerlei Förderung erhalten, sondern immer nur ausgegrenzt werden.

Herr Haliti ist seit seinem ersten Aufenthalt in Deutschland Aktivist bei Roma Thüringen und unterstützt andere geflüchtete Roma bei Terminen in Behörden, bei Ärzten oder Anwälten. Außerdem vertritt er Roma Thüringen in der Öffentlichkeit, z.B. Bei der Anmeldung von Demonstrationen oder vor der Presse. In diesem Zusammenhang arbeitet er auch mit Radio F.R.E.I. Zusammen. Weiterhin ist er in der Vernetzungsarbeit mit anderen Geflüchteten Organisationen wie The Voice Refugee Forum aktiv.